Soviel Eigensinn darf sein

Verträumtes Estland: Haapsalu und Matsalu

Haapsalu und Matsalu: Nicht nur die Namen klingen in meinen Ohren nach Astrid Lindgren und nordischer Idylle, nach Bullerbü und Saltkrokan. Auch wenn die Namen vermutlich eher den finnisch-ugurischen Klang haben – wie die auf mich sehr vergnügt wirkende, vokalverliebte estnische Sprache ohnehin – lebte im Nordwesten Estlands, an der Küste und auf den vorgelagerten Inseln, tatsächlich vom 13. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg die Minderheit der Küstenschweden. Tschaikowski Komponist als junger MannSpäter hat Haapsalu durchaus eine mondäne Zeit erlebt, in der auch der Komponist Tschaikowsky hier seine Ferien verbrachte und unter anderem die Klavierstücke “Souvenir de Hapsal” komponierte. Haapsalu, an der Westküste Estlands, kann von Tallinn aus gut mit dem Linienbus besucht werden. Die Fahrt dauert keine zwei Stunden und kostet (einfache Strecke) nur zwischen 4 und 7 Euro.

Die Stadt mit ihrer eleganten Vergangenheit schläft dieser Tage einen kleinen Dornröschenschlaf. Der Tourismus scheint ganz verhalten, die zahlreichen Supermärkte am Rand der Stadt dienen hauptsächlich den Einheimischen. Ausgestorben ist sie nicht, flanierend findet sich die Möglichkeit, preiswert und gut einzukehren, den einen oder anderen Laden zu besichtigen. Zunächst jedoch beeindruckt Haapsalu mit einem Bahnhof, wie man ihn so schön wohl selten findet. Wer mit dem Bus ankommt, steigt direkt auf dem Bahnhofsvorplatz aus und kann es sich nicht nehmen lassen, das Gebäude genauer in Augenschein zu nehmen.

Der russische Zar ließ den Bahnhof von Haapsalu 1907 eigens für seinen Besuch im Badeort errichten. Die Extravaganz der Mächtigen und Reichen zeigt manchmal erstaunliche Hinterlassenschaften… Zur Zeit der Erbauung war das reichverzierte Holzgebäude der Bahnhof mit dem längsten überdachten Bahnsteig in Europa, seit 1995 ist der Bahnverkehr stillgelegt, die alte Pracht aber wird gepflegt und erhalten.

Vom Bahnhof aus gut zu Fuß zu erreichen liegt die alte Kurstadt von Haapsalu auf einer weit ins Meer reichenden Landzunge. 1997 wurde das Kurhaus – im alten Glanze restauriert – wieder als Restaurant eröffnet. Es lag bei meinem Besuch verschlafen-schön zwischen Promenade und spiegelglatter See.

Kein Gast auf der Terrasse, kaum ein Mensch auf der Promenade. Ruhe pur. Tut sich Weiteres in Haapsalu, das sich seiner Vergangenheit rühmen kann, aber seine Zukunft vielleicht nicht voraussagen? In der Altstadt scheint eine weitere Renovierungsgroßleistung in Angriff genommen zu werden. Derzeit ist das Hotel St. Petersbourg, das die Zeiten Leningrads tapfer überlebt hat, mit einer sowohl eindrucksvollen als auch lustigen Fassadenbeklebung dekoriert – noch finden sich in keinem Reiseführer Hinweise auf projektierte Entwicklungen. Noch kann man sich auch so recht eine Wiederkehr der alten, vermeintlich besseren Zeiten gar nicht wirklich vorstellen.

Heute bildet Haapsalu einen ganz erstaunlichen Kontrast zur estnischen Sommerhauptstadt Pärnu, weiter südlich. In Pärnu tummeln sich die Touristen, gerade Finnen scheinen den Familienurlaub hier zu lieben. Pärnu hat imposante Jugendstilhäuser und ein ähnlich schönes Kurhaus wie Haapsalu aufzuweisen, die Hauptattraktion an dem regnerischen Tag, als ich mit dem Mietwagen nach Pärnu komme, scheinen aber riesige Pizzerien zu sein. Haapsalu in seinem Übergangsstadium hat da für mich einen ganz anderen Charme, so zart und zurückhaltend summt das nordisch-maritime Leben hier zwischen den Holzhäusern.

Südlich von Haapsalu liegt die Matsalu-Bucht, umgeben vom gleichnamigen Naturpark. Auch wenn es an meinem Mietwagentag meistens regnet, und noch dazu der Fotoapparat keine Akkukapazität mehr hat (ein kleines Drama, das ich kaum verwinden kann), entzückt mich ein Stopp in Kildeva. Es ist einer der schönen Orte der Bucht, in der hauptsächlich Vögel und Ornithologen ihr Paradies gefunden haben. Kleine, feine Holzhäuser, ein lauer Wind, die Frauen des Ortes haben sich im hölzernen Bushäuschen zum Palaver versammelt, ansonsten Stille. Auch wenn ich einen Vogel nicht vom anderen unterscheiden kann, gefällt es mir hier ungemein. Ob man diese Häuschen anmieten kann? Eindeutig auf Gäste eingestellt zeigt sich nur ein reetgedecktes Haus an der Straße, die zur Bucht abzweigt,  Altmoisa Külalistemaja scheint es sich zu nennen, ich interpretiere dass das der Name ist. Würdig und schön liegt es da. Viel kuscheliger wirkt es, als auf dem glatt gezauberten Foto, dass ich nun im Internet entdecke. Was ich für eine sehr spezielle Entdeckung von mir hielt, zeigt sich unter http://www.altmoisa.ee/ als engagierte Unternehmung, initiiert von einem katholischen Priester aus deutschen Landen…

Zur Zeit keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Willkommen bei Frau auf Reisen

Bärbel Frau auf Reisen – dem Blog einer Frau mit Fernweh für alle Frauen mit Fernweh. Die Idee zu diesen Seiten entstand, da ich seit einigen Jahren immer wieder alleine gereist bin. Eine neue Erfahrung beim ersten Mal, wiederkehrend in der Regel immer besser. Eine Frau auf Reisen erfährt sich kraftvoll und offen in der Welt! Gerne möchte ich davon an dieser Stelle einiges mitteilen. Was ist zu beachten, wenn eine Frau alleine reist? Welche Ängste bestehen (nur) im Kopf? Welche Erfahrungen macht eine Frau auf Reisen? Kleine Gebrauchsanweisung, da es sich nicht immer sofort erschließt: Beiträge zu Themen/Ländern, die im rechten Menü gefunden werden, öffnen sich zunächst nur teilweise. Dann heißt es, die Titelzeile anzuklicken, und der gesamte Beitrag wird sichtbar. Und übrigens, ich freue mich über Kommentare!!!! Ich sehe hier erfreulicherweise (mehr als nur) einige kommen und gehen, lesen hoffentlich... Ein Feedback, was andere Frauen suchen, wissen und vielleicht auch hier finden ... ist mir wirklich willkommen, manchmal ersehnt.