Soviel Eigensinn darf sein

Tropea, Kalabrien: Die Perle am Steilhang

pasolini tropeaReisende vergangener Jahrhunderte, auch die passionierten Individualisten, mieden Kalabrien in der Regel. Südlich von Rom endete die angenehme Welt, spätestens jedoch in Neapel. Wie Goethe setzten viele von der Hauptstadt Kampaniens gleich nach Sizilien über. Die verschmähte Stiefelspitze, einer sagenhaften Unterentwicklung und Rohheit bezichtigt, blieb so lange sich selbst überlassen. Heute hat sie mit Tropea ihr kleines Zentrum für Tourist(inn)en gefunden. Wenige Kilometer weiter schon wildes vulkanisches Land – dahin, ins so vielfältige Kalabrien, mache ich mich auf.

Nein, nichts ist roh, als ich ankomme,  ich komme bei einer Freundin an. Felicitas ist Reiseveranstalterin von Frauenreisen nach Kalabrien, ich darf bei ihr wohnen – etwas abseits der Touristenströme, die sich im Juni ohnehin noch in Grenzen halten. Ich darf mit ihr eintauchen in die schöne, verwirrende, gleißende und eigenwillige Welt Kalabriens. Wir befinden uns auf einem Hügel, nur wenige Kilometer von Tropea entfernt und doch von vergleichsweise (!) kühlen Winden umschlungen, der Blick darf die Weite umfassen. Ein Ort, wie ich ihn liebe, privat, geheim und weit geöffnet zugleich.

Von hier aus ist es nicht weit zum Capo Vaticano und gleich unser erster kleiner Ausflug lässt mich die westliche Küste Kalabriens, die thyrrenische Küste, von einer ihrer allerschönsten Seiten erfahren. Tief hinab schaut man hier, am im Juni noch wahrhaft stillen Kap, in berauschendes Türkis.

Capo vaticanoausblick capo vaticanoEs wundert mich nicht, dass Felicitas ihre durchdachten Reiseprogramme gerne mit einem aperitivo am  Capo beginnen lässt. Auch nicht, dass Gäste hier immer gerne wieder mal hinkommen. Zum sundowner oder wie wir zu verführerischen antipasti am späten Mittag, hoch droben in der Bar, in feiner Luft.

antipasti calabresemangare calabriaHier entdecke ich auch Nduja, die peperoncinischarfe Wurst des italienischen Südens. Vorsichtig auf Brot, mit mildernder Unterstützung von Artischocken und Tomaten zu genießen. Nur diese Reifenpanne am letzten Tag hält mich davon ab, Nduja kiloweise mit nach Hause zu schleppen. Nun greife ich aber wirklich vor.

Und während ich so vorgreife, merke ich wieder, dass mir eine Woche in Kalabrien vorkam wie vier Wochen. Ich entdeckte das pittoreske und das verschlossene Kalabrien, die Perlen am Steilhang und das wilde Hinterland.
Capo Vaticano, das ist erst mal das wundervolle  Aushängeschild nahe an Tropea, dem (klein)städtischen Idyll, das den kalabresischen touristischen Erfolg ausmacht. Im August, wenn auch die italienischen Gäste von Norden strömen, wird es in Tropea voll … und das Geld verdient, das viele Monate reichen muss. Jetzt ist es noch lauschig hier, aber man spürt instinktiv das Potential für dichte Strandbelagerung, gefüllte Bars, frequentierte Souvenirläden, geschäftige Ausflugsbüros … und kurzzeitig drängelnde Massen. Wir treffen Nostalgie und manchmal auch Regen in Tropea.

strand tropeatropea sehr nostalgischDie alte Villa in Tropea, aus deren – aufgrund ungeklärter Besitzverhältnisse – vernachlässigtem Gemäuer die Pflanzen wachsen als naturwüchsige Verschönerung blätternder Fensterbänke, ist ein Lieblingsort von Felicitas. Das offizielle Bild von Tropea, das sich gerne, kurz im Jahr, fühlt wie eine Art süditalienisches Saint-Tropez, ist es natürlich nicht.

felsenrestaurant tropeaNoch warten in den Fels gehauene Restaurants auf Gäste, noch schlendern wir gemütlich über Plätze im Abendlicht. In den nächsten Tagen werde ich mich aufmachen, die unbekannteren Schönheiten der thyrrenischen Steilküste, aber auch das bewaldete und von tiefen Schluchten durchzogene vulkanische Hinterland und die so ganz andere ionische Küste zu entdecken. Tropea, Perle Kalabriens genannt, ist ein Ort mit dem Flair des Südens, intensiv italienisch. Doch vielleicht verschließt es gerade im Hochsommer, wenn die Pauschaltourist(inn)en kommen, seine Geheimnisse im Tarngewand des Trubels.

Tropea:Santa Maria dell'Isola

Tropea:Santa Maria dell’Isola

Der Blick auf bizarre, trutzige Felsformationen in und rund um Tropea, dolce vita an jeglichem Sommerabend, das gibt es in Kalabrien stets gratis und zwischendurch dazu. Mehr noch erfährt, wer die Lande durchstreift. Das geht eigensinnig und bisweilen etwas waghalsig im Auto (ich werde berichten), das geht erst recht mit der Kennerin Felicitas von AlSud!

5 Kommentare

  1. 30. Juni 2015    

    Liebe Bärbel, wie spannend es doch ist, das, was man selbst liebt, durch die Augen des/der anderen zu sehen….Danke für Deinen schönen Bericht über Tropea – so treffend und Deins und so schön geschrieben!

    • Bärbel Bimschas Bärbel Bimschas
      30. Juni 2015    

      Meine Liebe, ich danke Dir für die Zeit, die trotz viel Unerwartetem so bereichernd war. Wie gut, dass ich mich entschieden haben, „Dein“ Kalabrien mit eigenen Augen zu sehen!

  2. Elke Lina Elke Lina
    17. Juli 2015    

    Ich liebe es, Deine „gemalten“ Berichte zu lesen und ich hatte soeben das Gefühl: Da will ich auch mal hin. Wer weiß, ob es mich – die die das Meer liebt ohne Ende und alle südlichen Länder dazu – einmal dorthin verschlägt. Einfach grandios, all diese pittoresken Schönheiten in Kalabrien. Ach ja, frau müsste einfach nur noch reisen, reisen, reisen ….

    • Bärbel Bimschas Bärbel Bimschas
      17. Juli 2015    

      Liebe Elke Lina. Vielen Dank!!! Ja, reisen… wenn selbst eine davon träumt, die Ihr südliches Paradies gefunden hat… Und dann ist der Süden tatsächlich so verschieden … Kalabrien ist ganz anders als die türksche Ägäis. Obwohl es auch eine ionische Küste hat…

  3. 14. August 2015    

    Liebe Bärbel,
    habe mit großem Vergnügen deine Berichte gelesen und angesehen. Sehr gelungen und man (frau) möchte gleich losfahren. Ja, alleine reisen ist eine feine Sache. Ich bin in diesem Jahr allein in mein Heimatdorf gewandert (von Köln ins Sauerland) Nicht so spektakulär aber auch eine wichtige Erfahrung. Ja, lass uns aufbrechen zu neuen Stränden.
    Marie

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  1. Wenn „Frau auf Reisen“ über Kalabrien schreibt….. | Al Sud! Der Blog on 7. Juli 2015 at 17:35

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Bärbel Frau auf Reisen – dem Blog einer Frau mit Fernweh für alle Frauen mit Fernweh. Die Idee zu diesen Seiten entstand, da ich seit einigen Jahren immer wieder alleine gereist bin. Eine neue Erfahrung beim ersten Mal, wiederkehrend in der Regel immer besser. Eine Frau auf Reisen erfährt sich kraftvoll und offen in der Welt! Gerne möchte ich davon an dieser Stelle einiges mitteilen. Was ist zu beachten, wenn eine Frau alleine reist? Welche Ängste bestehen (nur) im Kopf? Welche Erfahrungen macht eine Frau auf Reisen? Kleine Gebrauchsanweisung, da es sich nicht immer sofort erschließt: Beiträge zu Themen/Ländern, die im rechten Menü gefunden werden, öffnen sich zunächst nur teilweise. Dann heißt es, die Titelzeile anzuklicken, und der gesamte Beitrag wird sichtbar. Und übrigens, ich freue mich über Kommentare!!!! Ich sehe hier erfreulicherweise (mehr als nur) einige kommen und gehen, lesen hoffentlich... Ein Feedback, was andere Frauen suchen, wissen und vielleicht auch hier finden ... ist mir wirklich willkommen, manchmal ersehnt.