Soviel Eigensinn darf sein

Blogparade: Was macht glücklich auf Reisen?

fmara auszeit

Die Reisemeisterei ruft auf zur Blogparade. Was mich auf Reisen so glücklich machen kann, habe ich mir schon mehrfach vorgenommen, in Worte zu fassen.  So kommt mir der schöne Anlass gerade Recht. [Edit 01.07.] Meine Art auf Reisen Glück zu finden, realisiert sich oft durch die Erfahrung allein zu reisen. Eine neue Blogparade von Fotoreisen-Abenteuer spricht das Thema explitizit an: Warum du alleine Reisen solltest. Und auch an dieser Blogparade nehme ich mit meinen Überlegungen nur zu gerne teil. Vielen Dank den Organisator(inn)en!

Das Thema mehrfach hin und herwendend, fiel mir ein Begriff ein, der mich selbst verblüffte. Das Glück auf Reisen erlebe ich als ein Wiedergewinnen von Unschuld, die der Seßhaftigkeit nicht innewohnt. All dies Schauen und Staunen und Treiben lassen, die Neugierde und die wohlige Trägheit, das Ungewohnte und verblüffend „Heimatliche“, Geborgenheit schenkende, das mir auf Reisen schon wiederfuhr – es hat was mit Wiederfinden der Unschuld zu tun. Mit Erlebnissen des ersten Mal, auch beim zweiten, dritten oder siebten Mal. Auf Lanzarote zum Beispiel habe ich es mehrfach erneut erlebt.

Vieles von diesem Glück lässt sich am ehesten in Reinkultur erleben, wenn man alleine reist – darauf hat auch Dan Kieran hingewiesen. Wenn ich alleine reise, und es läuft nicht gerade alles schief, werde ich mitunter fast gläubig – an die Welt, die so reichhaltig ist, und die mich so umfängt, fremd und wirklich zugleich. Alleine reisen kann wie eine Wiedergeburt sein, ins Unbekannte hinein.

schuhe am strand bei nazare

Natürlich gibt es auch gute Gründe, nicht allein zu reisen. Weil man einen Arm spüren will (diesen), während man selig auf den Sonnenuntergang glotzt. Weil die gemeinsame Geschichte neues Erzählfutter braucht. Weil Gelage mit köstlichen Speisen zu zweit doch meist mehr Spaß machen. Weil die Erinnerung und die Sehnsucht Zuhause geteilt werden können. Weil ich ganz gerne die „Reiseleiterin“ gebe. Weil der manische Fotograf zwar laufend zurückbleibt, aber nach der Reise entschieden die größtmögliche Fotoausbeute vorlegt. Weil… nun, das werden wir sehen, wenn´s Ende April nach Sardinien geht.

Alleine auf Reisen jedoch ist eine bestimmte Erfahrung, das Ich zu entleeren und glücklich neu zu füllen, wohl am stärksten. Die Psychologie kennt das Wort von der Exploration, die Kinder erleben, wenn sie plötzlich alleine loslaufen, gelingend dann, wenn sie von einem Gefühl der Sicherheit umgeben, neue eigene Wege finden. Und so erlebe ich mich oft, wenn ich mich alleine durch unbekannte Gefilde navigiere, teils wissend, teils ahnend, teils angstfrei offen.

Auf Reisen kann man die eigenen Grenzen setzen und sollte es, und erweitern, ohne sich zu traumatisieren mit zu heftigen Anforderungen. Ich bin nie Backpackerin gewesen – und als ich das erste Mal alleine in ein kleines Studio im traumverlorenen Inselinnern von Lanzarote fuhr, war ich „bereits“ 35. Und verliebte mich unsterblich in diese Erfahrung. In Reminiszenz an diese Initiation ist auch Frau auf Reisen entanden.

bäume nienhagen

 

Zur Erfahrung der Unschuld gehört die einer seltsam ungestressten Gelassenheit. Etwa als ich in Griechenland meinen Mietwagen in eine Sanddüne fuhr, die Räder drehten durch, kein Vor und kein Zurück mehr in relativer Wildstrandeinsamkeit. Eine Situation, bei der ich Zuhause eben Mal schnell hysterisch würde – außer, dass es da keine Sandberge gibt. Mit einem geradezu himmlischen Vertrauen fand ich die einzige family weit und breit, sprach sie an – und siehe da, der Mann war Automechaniker. Mit Steinen und Wagenheber buddelte er mein Auto wieder aus. Das ging in größtmöglicher Langsamkeit, während mich die Frau mit Köstlichkeiten ihres Picknicks verwöhnte – und so dankbar ich war, es kam mir gar nicht so erstaunlich vor.

 

Ein weiteres Beispiel: In meinem bisherigen estnischen Lieblingsort, in Haapsalu, wollte der Bus zurück nach Tallinn nicht kommen. Die Rückfahrtzeiten auf meinem Ticket waren mit lauter interesssanten Buchstaben verziert, die Dinge bedeuten wie: fährt nur sonntags im April oder so ähnlich. Wenn die Sprache schon unerlernbar ist, wie soll ich dann solche Abkürzungen verstehen? haapsalu bahnhof2Mit einem spanischen Freundinnenpärchen wartete ich auf diesen Bus, der nicht kam, so langsam, ganz langsam machten wir uns radebrechend zwischen spanisch und englisch einen Reim auf die Situation … und hatten nur noch eine Chance auf einen möglichen, weiteren Bus an diesem Tag, natürlich auch ohne die Abkürzung davor entschlüsseln zu können. Die beiden Spanierinnen wurden ziemlich nervös, zu zweit hat man einfach mehr zu diskutieren. Ich fand in der Nähe eine lustige Gartensubkultur á la Kaurismäki, einen Humpen Bier für einen Euro … und in mir die tiefe Gewissheit, dass mir sowieso nichts passieren kann. Irgendeine Lösung wird sich schon finden. Der letzte Bus kam übrigens dann.

Bisweilen steckt die Unschuld der Reisenden auch in den Begegnungen, die das Reisen bietet. Aus einem Zustand verträumt-introvertierten alleine Unterwegsseins werde ich offen. Im günstigsten Fall auf eine sanfte Art, die gar nichts muss, da ich in der Regel gut mit mir alleine sein kann. Es waren immer Frauen, die ebenfalls alleine oder auch in Begleitung unterwegs waren oder mir eine wohlige Unterkunft vermieteten, deren plötzlich intensive Bekanntschaft mich auf Reisen bereicherte. Manchmal bildete ich mir ein, dass der Zustand, in den ich auf Reisen gerate, eine Entspannung ausstrahlt, die andere interessiert. Dabei ist das alleine Reisen auch ein Gradmesser, wie es um die Seele steht, ob Dämonen bekämpft werden müssen im Innern … oder ob sie tatsächlich Zuhause geblieben sind. In Schattierungen kenne ich beides, und vor jedem Reiseantritt bin ich auch ein wenig lampenfiebrig deswegen.

Fenster Lanzarote

Ach ja, und bleibt mir weg mit Mehrbettzimmern in Hostels, solange ich mir noch die Initimität der eigenen Kemenate leisten kann. Ich liebe die instinktgeleitete Auswahl einer Heimstatt auf Zeit, das duftende, gemachte Bett in freundlicher Umgebung, das offene Fenster zum Meer, das dann ganz alleine für mich seine Winde in die Einsamkeit schickt, das Wiedererkennen zuvor erkannter Wünsche an fremdem Ort.

Last not least lasse ich die Pionierinnen des Reisens als Frau sprechen, denen ich mich anfangs auf diesem Blog widmete, was ich leider etwas aus den Augen verloren habe. Isabella Bird etwa kränkelte in der Heimat meist vor sich hin, und entwickelte auf ihren wahrhaft ausgedehnten Reisen im 19. Jahrhundert plötzlich jeglichen Mut und Kraft. Wenn das nicht zeigt, dass Reisen glücklich macht und Glück gesund und heil… Persönlich ganz beeindruckend finde ich auch Freya Stark, für die das Reisen ebenso wie Philosophie und Kunst Wege waren, das Altern als weniger definitiv und erschreckend zu erleben. Unschuldige Neugier nämlich lässt auch spätere Erlebnisse jung und frisch erscheinen. Die Mühsal des sesshaft-routinierten lässt diesen sich immer wieder verjüngenden inneren Raum viel weniger zu. Freya Stark wurde 100 Jahre alt, mit 86 reiste sie noch in den Himalaya.

Noch ein Tipp zum Thema: Einen wunderbaren Artikel zum glücklichen alleine Reisen gibt es bereits (entstanden vor der Blogparade) von Lena.

 

5 Kommentare

  1. 21. März 2014    

    Interessante Aspekte… Das regt mich zum Nachdenken an.
    Herzlichen Dank!
    Ulrike

  2. 23. März 2014    

    Sehr schön geschrieben, zum Nachdenken aber stellenweise sehr humorvoll. Kurz: Wunderbar!

  3. Bärbel Bimschas Bärbel Bimschas
    23. März 2014    

    Vielen, vielen Dank Euch beiden!

  4. 16. April 2014    

    Hey dein Artikel passt ja auch zu meiner neuen Blogparade 😉 – geht um die Kanaren … habe bereits einen Artikel über Lanzarote, mir kamen die Fotos doch gleich bekannt vor, zumindest Boot + Hintergrund 😉 … wenn du willst kannst du gerne mitmachen!
    http://www.reisenberichten.de/reise-blogparade-kanaren-2014/

  5. Bärbel Bimschas Bärbel Bimschas
    16. April 2014    

    Hi Dominik … danke für Entdecken, Kommentar und Hinweis. Ich nehme gerne teil. Vielleicht schreib ich noch was Neues, aber auf die Kanaren komme ich wohl bis September nicht mehr. Aber ich liebe die Lanzarote-Inspiration. Ich melde mich!

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Willkommen bei Frau auf Reisen

Bärbel Frau auf Reisen – dem Blog einer Frau mit Fernweh für alle Frauen mit Fernweh. Die Idee zu diesen Seiten entstand, da ich seit einigen Jahren immer wieder alleine gereist bin. Eine neue Erfahrung beim ersten Mal, wiederkehrend in der Regel immer besser. Eine Frau auf Reisen erfährt sich kraftvoll und offen in der Welt! Gerne möchte ich davon an dieser Stelle einiges mitteilen. Was ist zu beachten, wenn eine Frau alleine reist? Welche Ängste bestehen (nur) im Kopf? Welche Erfahrungen macht eine Frau auf Reisen? Kleine Gebrauchsanweisung, da es sich nicht immer sofort erschließt: Beiträge zu Themen/Ländern, die im rechten Menü gefunden werden, öffnen sich zunächst nur teilweise. Dann heißt es, die Titelzeile anzuklicken, und der gesamte Beitrag wird sichtbar. Und übrigens, ich freue mich über Kommentare!!!! Ich sehe hier erfreulicherweise (mehr als nur) einige kommen und gehen, lesen hoffentlich... Ein Feedback, was andere Frauen suchen, wissen und vielleicht auch hier finden ... ist mir wirklich willkommen, manchmal ersehnt.