Soviel Eigensinn darf sein

Das Krüglein von Nazaré

Der Strand von Nazaré von oben

Vor einiger Zeit schon wurde ich geladen, über die drei Dinge zu berichten, die bei Reisen „immer dabei“ sind, und habe doch bis heute dazu nichts veröffentlicht, tue es auch jetzt nicht. Ein dreiviertel fertiger Artikel dazu liegt auf Halde, er soll dann noch irgendwann zum Zuge kommen, gleichwohl finde ich es nicht so furchtbar spannend, was ich immer dabei habe: Ich habe gar nicht so besonders aufregende Sachen dabei… Interessanter finde ich die Klein- und Kleinstigkeiten, die den Weg aus der Welt zu mir nach Hause finden. Über eins davon erzähle ich also zunächst mal … und wieder über Portugal.

Unseren zweiten Fixpunkt der letzten Reise fanden wir – nach den Tagen in Porto – im Fischerort Nazaré, 90 km nördlich von Lissabon. Der Küste entlang, nur zuletzt auf der Autobahn, waren wir hier her gekommen, hatten auf der Fahrt das Lagunenstädtchen Aveiro in Augenschein genommen („Venedig Portugals“) Bunte Häuser und Gondel in Aveiro… und wurden in Nazaré von Hagel und Temperatursturz empfangen. Unter diesen Bedingungen – und solche am Abend des Pfingstsamstag vorfindend – mieteten wir uns kurzentschlossen im Hotel Ancora Mar ein, ohne uns mit einem möglicherweise pittoreskeren Übernachtungsangebot auch nur am Rande auseinander zu setzen. Das Ancora Mar bietet zu erschwinglichem Preis eine Reise in die Dekorationen der 70er Jahre, und das ist völlig okay, wenn das Zimmer großzügig und die Dachterrasse sonnig ist. Und dieses Hotel passt zu einem Ort, den der internationale Pauschaltourismus links, oder besser gesagt: irgendwo in der Mitte Portugals, liegen lässt, der von Bettenburgen und Ballermann völlig verschont blieb.

 

Ältere Frau in Tracht, zwei junge Frauen in Jeans. Auf der Straße in Nazaré in Portugal Nazaré nämlich ist tatsächlich noch ein Fischerort und nicht ein irgendwie ehemaliges „charmantes etc.“, am Strand wird der Fang getrocknet, am Feiertag werden einzelne große Fische durch die Straßen getragen, beim Versuch sie zu verkaufen. Die Älteren tragen oft noch die schlichte Fischertracht, die nachwachsende Generation nicht mehr. Portugiesischer als in Nazaré gehe es kaum , steht andernorts geschrieben.

 

Erst wenn es Sommer wird, füllt sich Nazaré mit Einheimischen, die den Ort lieben, jetzt im Mai geht alles seinen ruhigen Gang, der schöne Strand ist nahezu menschenleer, nur hin und wieder zeigt sich ein Fragment von Tourismus in kleinen französischen Wohnmobilkolonnen.

 

Elevator Nazaré von oben. Blick auf die Unterstadt mit Strand. Wir bleiben und unternehmen von hier aus Touren zu den umliegenden Klöstern, Orten und Stränden, die Sonne hat ein Erbarmen und beginnt sich zu zeigen und Nazaré wird erst langsam entdeckt. Denn das Städtchen ist dann doch größer als anfangs gedacht, die engen Gassen zum Meer hin erschließen sich nach und nach – ebenso, dass es nicht nur ein, sondern gleich zwei Nazaré gibt. Mit einem typisch portugiesischen Ascencor, bereits 1889 erbaut, erreicht man Sitio, die Oberstadt, und darf sich nicht nur auf die azulejogeschmückte Kapelle, in der Vasco da Gama vor seiner Seefahrt betete sowie weitere wundersame Legenden gefasst machen, sondern auch auf einen atemberaubenden Blick auf die Unterstadt am Atlantik.

 

 

Es kommt, wie es kommen muss: Die Zeit in Nazaré geht viel zu schnell zu Ende, der letzteAusschnitt Bucht von Nazaré Tag ist mit Wehmut gefüllt. Ein zweites Mal gehen wir am Abend im Restaurante Maria do Mar essen. Es ist eines der wenigen Restaurants, das auch jetzt in der Vorsaison geöffnet hat, und das einzige, das stets voll besetzt ist. Maria, eine energische, freundliche Wirtin, führt nicht nur die neuste Schuhmode vor, sondern hat ihre Augen überall, trällert ein Liedchen, serviert Kasserollen und Platten mit allem, was das Meer hergibt … und serviert einen feinen Likör im kleinen Krüglein nach dem Essen. Das Krüglein hat es mir schon beim ersten Besuch angetan, ich bedauerte sehr, dass es in dieser Sonderanfertigung nicht bei den Souvenirhändlern zu haben ist. Nach dem letzten portugiesischen Schmaus, am letzten Abend, nachdem die Rechnung beglichen war, stehen wir mit sanfter Melancholie vor der Tür – und sie öffnet sich schwungvoll. Da kommt Maria zu mir, sagt „for you“, drückt mir ein Krüglein in die Hand und verschwindet wieder. Das rührt mich seitdem, das Krüglein wird zum Talisman und Vermächtnis – und Nazaré zu einer Erinnerung, die auf ein Wiedersehen wartet.

Tonkrüglein, Portugal-Geschirrtuch

 

 

 

1 Kommentar

  1. nole nole
    10. Juli 2013    

    Super! Genau! Dein NOLE

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Bärbel Frau auf Reisen – dem Blog einer Frau mit Fernweh für alle Frauen mit Fernweh. Die Idee zu diesen Seiten entstand, da ich seit einigen Jahren immer wieder alleine gereist bin. Eine neue Erfahrung beim ersten Mal, wiederkehrend in der Regel immer besser. Eine Frau auf Reisen erfährt sich kraftvoll und offen in der Welt! Gerne möchte ich davon an dieser Stelle einiges mitteilen. Was ist zu beachten, wenn eine Frau alleine reist? Welche Ängste bestehen (nur) im Kopf? Welche Erfahrungen macht eine Frau auf Reisen? Kleine Gebrauchsanweisung, da es sich nicht immer sofort erschließt: Beiträge zu Themen/Ländern, die im rechten Menü gefunden werden, öffnen sich zunächst nur teilweise. Dann heißt es, die Titelzeile anzuklicken, und der gesamte Beitrag wird sichtbar. Und übrigens, ich freue mich über Kommentare!!!! Ich sehe hier erfreulicherweise (mehr als nur) einige kommen und gehen, lesen hoffentlich... Ein Feedback, was andere Frauen suchen, wissen und vielleicht auch hier finden ... ist mir wirklich willkommen, manchmal ersehnt.