Soviel Eigensinn darf sein

Die Melancholie geht auf Reisen

Einer der schönsten, inspirierendsten und tröstlichsten Orte in Frankfurt am Main ist für mich mit Sicherheit die Deutsche Nationalbibliothek.  Der stark auftrumpfende Name ist es nicht, sondern die ihm so positiv widersprechende Freiheit, Konzentriertheit und Unkompliziertheit dieses Ortes. Hier findet sich die feinste Architektur Frankfurts mit dem erlesensten Inhalt zusammen… Schon das Arkadenzitat, geometrisch klar und farblich warm, das den Vorplatz von einer der hässlichsten Straßen Frankfurts abtrennt – wodurch allerdings deren laute und unschöne Erscheinung nicht verschwindet – ist wunderbar. Wer die Bibliothek betreten hat, landet sodann in einer abgeschirmten, aber glasfensteroffenen Welt. Eine Kuppel als Eingangsbereich, sanft geschwungene Treppen, komfortable Arbeitsplätze, Ruhesessel vor Bullaugen im eigentlichen Bibliotheksbereich. Höchstens zart durchbrochene Stille, eine Gemeinde der Eingeweihten und alle Bücher, die in Deutschland verlegt wurden… Es ist ein Paradies.
deutsche nationalbibliothek FrankfurtEin Paradies mit kleinen Fehlern… Man kann es nur betreten, wenn man bereit ist, einen Obolus zu zahlen. Unter der Tageskarte geht da gar nichts. Und so sehr ich jeder Besucherin der Stadt einen ausgiebigen Aufenthalt in der DNB wünsche, man muss Zeit mitbringen. Bücher können nicht entliehen, sondern nur vor Ort in Augenschein genommen werden. Bestellen kann man sie zuvor online und sich dann aushändigen lassen, doch dazu braucht man bereits eine Ausweisnummer. Kurz und gut – eine Auszeit in der DNB, einem Wellnesszentrum für ganz spezielle Bedürfnisse, bedarf einer gewissen Planung und Voraussicht. Wer diesen Ort mit uns, in dieser Hinsicht mal wirklich privilegierten, Frankfurter_innen teilen will, braucht schließlich in der unverschämt teuren Stadt auch noch eine Unterkunft. Wer liest und studiert, ist schließlich nicht immer allzu wolhabend. Denn dies ist der zweite echte Fehler der Nationalbibliothek nach deutscher Art: ihre etwas engherzigen Öffnungszeiten. In Moskau oder New York gibt es riesige Bibliotheken, so vernahm ich, die 24 Stunden lang geöffnet sind. Paläste der Wollust und Melancholie, der gemächlichen Introvertiertheit und geheimnisvollen Inspiration, so stelle ich mir das vor. Bevor man wieder, trunken von der schönsten Einsamkeit der Welt, zum Buch greift, hat man ein kurzes Nickerchen gemacht. Immerhin Dagegen kann man in Frankfurt jetzt unter der Woche lediglich bis 22  20 Uhr bleiben, samstags nur bis 17 Uhr – und sonntags macht man, was weiß
ich denn, jedenfalls gar nichts in der Bibliothek. Schade und verbesserungswürdig. Was wären das für wunderbare Sonntage! Die Kantine ist übrigens nicht schlecht, der Cafeteria-Capucchino perfekt. Und alles recht günsitg.
(Anmerkung 29.11.: Wie bin ich auf eine Verlängerung bis 22 Uhr gekommen? Habe ich das GETRÄUMT? Zuzutrauen wärs mir ja. Es stimmt leider nicht. Gestern schnöder „Rauswurf“ kurz vor 8.  Alles wie immer. Stechuhrstadt.)

Am Samstag war ich endlich mal wieder dort. Die bestellte Bücherladung bunt gemischt zwischen Kür und Pflicht. Erwähnenswert an dieser Stelle nur die Kür. Nachdem ich kürzlich in der Denkbar einem Vortragsreigen zu Aspekten der philosophisch reflektierten Melancholie beiwohnen durfte, bei dem mich besonders Pia Schmücker aus Ulm beeindruckte, waren meine Belohnungsminiaturen Textschnipsel zur Melancholie. Beispielsweise „Die hohe Kunst der Melancholie“ von Mariela Sartorius. Ein wirklich schönes Cover, eine Sammlung von Überlegungen, Aphorismen und kleinen Listen zum Thema der Themen. Ich habe im Netz nach der Autorin recherchiert, es nervt mich etwas, wo die Interviews hinführen, wie sie sich dem bisweilen nicht entziehen kann, ob es um dieses Buch oder ihr Einsamkeitsbuch geht. Sie rechtfertigt sich. Man diskutiert, ob man es mit Einsamkeit und Rückzug nicht auch übertreiben kann. Ja, ja. Und allzumeist werden Bücher wie dieses unter Lebenshilfe und Depression getagt. Das ist nun höchstens die halbe Wahrheit…

Beim Blättern nach halbwegs bestandener Pflicht (Bücher zum bürokratischen Arbeitsthema) entdecke ich, dass auch das Reisen, alleine, ziellos-glücklich, zum Melancholie-Thema gehört. Pia Schmücker nannte es mit Nietzsche „Wandern“. Ich finde Beschreibungen, die meinen eigenen Reiserlebnissen ähneln, dieses Eintauchen ins Schauen und Weiterziehen und Zusichkommen und dabei grundlos, aber unhinterfragbar glücklich sein. Und ich finde das schöne Zitat von Martin Buber: Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt. Es war nur eine kleine Reise in die Deutsche Nationalbibliothek. Es ist Samstag, ich habe meine Reise nicht allzu früh angetreten. Umso schneller wird es 17 Uhr. Ich muss gehen, das macht mich unhinterfragbar traurig. Am Abend telefoniere ich, überraschend lange, mit M., der mir ganz zufällig den Buchtipp „Mit 40 depressiv, mit 70 um die Welt“ spendiert. Passt doch.

Last not least!!! Ich war selbst noch nicht dort, und bin mir doch sicher, dass sie eine echte Empfehlung wert ist: Die Ausstellung Schwarze Romantik, die bis in den Januar hinein im Städel zu sehen ist.

 

 

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Bärbel Frau auf Reisen – dem Blog einer Frau mit Fernweh für alle Frauen mit Fernweh. Die Idee zu diesen Seiten entstand, da ich seit einigen Jahren immer wieder alleine gereist bin. Eine neue Erfahrung beim ersten Mal, wiederkehrend in der Regel immer besser. Eine Frau auf Reisen erfährt sich kraftvoll und offen in der Welt! Gerne möchte ich davon an dieser Stelle einiges mitteilen. Was ist zu beachten, wenn eine Frau alleine reist? Welche Ängste bestehen (nur) im Kopf? Welche Erfahrungen macht eine Frau auf Reisen? Kleine Gebrauchsanweisung, da es sich nicht immer sofort erschließt: Beiträge zu Themen/Ländern, die im rechten Menü gefunden werden, öffnen sich zunächst nur teilweise. Dann heißt es, die Titelzeile anzuklicken, und der gesamte Beitrag wird sichtbar. Und übrigens, ich freue mich über Kommentare!!!! Ich sehe hier erfreulicherweise (mehr als nur) einige kommen und gehen, lesen hoffentlich... Ein Feedback, was andere Frauen suchen, wissen und vielleicht auch hier finden ... ist mir wirklich willkommen, manchmal ersehnt.